Leseprobe Touch me: Farbenflimmern


Leseprobe aus "Touch me:  Farbenflimmern" (Band 1):

Mein Blick fiel über meine Schulter auf das große Fachwerkhaus mit den zahlreichen kleinen Fenstern und der Veranda. Ich dachte an meinen Sturz über das Geländer, bei dem ich mir einen Arm gebrochen hatte. An meine ersten Versuche, mit dem Fahrrad die lange Schotterpiste, die eigentlich als Auffahrt diente, herunterzufahren. An die Sommer, in denen ich hinter dem Haus in einer Hängematte meine Ferien verbracht hatte.

Seufzend drehte ich mich nach vorne und ging neben Mums Lieblingsbeet in die Hocke. Immerhin hatten die neuen Eigentümer noch nichts im Garten verändert. Sobald der Sommer käme, würde hier nichts mehr wie vorher aussehen.

Mir wanderte ein stechender Schmerz durch die Brust und ich zog meine mentalen Mauern wieder hoch, als ich nach meiner Kamera griff. Die Natur wirkte in diesem großen Garten so unberührt und schön, dass ich es einfach in einem Foto festhalten musste.

Unerwartet räusperte sich jemand hinter mir und ich plumpste auf den Hintern ins Gras. Überrumpelt sah ich diesen Jemand an und mir schlug das Herz bis zum Hals, weil ich ihn nicht kommen gehört hatte.

„Entschuldige bitte, aber du sitzt da auf meinem Grundstück“, sagte er. Vor Schreck blieb mir die Luft weg und einen Moment konnte ich ihn nur sprachlos anstarren. Ich musste den Kopf in den Nacken legen, um ihn in voller Statur ansehen zu können. Dadurch kam er mir noch größer vor, als er wahrscheinlich war. Er war sicherlich trotzdem noch weit über einen Meter achtzig groß.

Nicht nur seine Größe war einschüchternd. Mit seinen breiten Schultern baute er sich bedrohlich vor mir auf und ich wäre gerne nach hinten ausgewichen, wenn ich dann nicht im Beet meiner Mum gelandet wäre.

Mein Blick wanderte über seinen sportlichen Körper, über den Pullover, der auf seinem muskulösen Oberkörper leicht spannte, bis zu seinen nackten Unterarmen. Während sich bei mir alle Härchen aufstellten, schien er nicht zu frieren. Er trug nicht einmal eine Jacke, obwohl wir Minusgrade hatten.

Das dunkle Haar war kurz, an den Seiten sogar etwas abrasiert. Mit den Bartstoppeln wirkte er älter, als er vermutlich war. Seine Gesichtszüge waren streng und seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Dennoch erkannte ich das unglaubliche Blau, in dem sie leuchteten. Wenn mir seine erhabene Erscheinung noch nicht den Atem geraubt hatte, dann waren es die tiefblauen Augen, die vermutlich jedes Mädchen schwach werden ließen. Viel älter als ich konnte er nicht sein und doch hatte er etwas sehr Männliches an sich. Seine linke Augenbraue wurde von einer Narbe geteilt. Sofort wollte ich wissen, wie er zu dieser Verletzung gekommen war.

Ich schlug die Augen nieder und holte tief Luft. Ein Windstoß trug den Geruch eines angenehmen Deodorants zu mir und ich biss mir auf die Zunge, weil er nicht nur männlich aussah, sondern auch so roch. Mein Herzschlag wollte in meiner Brust explodieren.

Liv, beruhige dich, redete ich auf mich ein. Der Schreck saß mir noch tief in den Knochen und musste mich so durcheinandergebracht haben.

Ich hustete kurz, ehe ich mich vom Boden abstieß und auf die Beine kam. Als ich ihm gegenüber stand, war er noch immer einen Kopf größer als ich, doch mit der Bewegung wuchs auch mein Selbstbewusstsein.

Dein Grundstück?“, wollte ich mit rauer Stimme wissen und hustete ein weiteres Mal.

Er verschränkte die Arme vor der Brust, was seine Schultern noch breiter wirken ließ, und hob geringschätzig die Augenbraue. Die Narbe verhinderte allerdings, dass er sie richtig anheben konnte, und innerlich freute ich mich darüber. Immerhin war er dann äußerlich nur zu neunundneunzig Prozent perfekt. Doch die Attraktivität schwand auch mit seinem demütigenden Blick, während ich den Dreck von meiner Hose klopfte.

„Ja“, erwiderte er selbstsicher.

„Wie alt bist du bitte? Sicherlich nicht alt genug, um ein Haus zu kaufen“, sagte ich mit einem spottenden Unterton. Wenn er mich so ansehen konnte, dann musste ich auch nicht nett zu ihm sein.

„Achtzehn und ja, mein Onkel hat das Haus gekauft.“

Bluntley, schoss es mir in den Kopf und mir blieb erneut die Luft weg. Er war der Neffe des Mannes, der unser Haus gekauft hatte.

Scheiße, ein großkotziger Schönling würde fortan in meinem Zimmer schlafen, in unserer Küche kochen und in unserem Garten sitzen.

Meine Füße fühlten sich taub an, als ich ein paar Schritte rückwärts machte. Ich wusste nicht mehr, warum ich eigentlich hergekommen war. Es war eine wirklich dumme Idee gewesen. Hatte ich geglaubt, hier hätte sich nichts verändert? Es hatte sich alles verändert und es würde nie wieder wie früher werden.

Meine Schneidezähne gruben sich in meine Zunge, bis es schmerzte.

„Willkommen in Salisbury“, meinte ich. Das war vielleicht der dümmste Satz, den ich je zu einem gutaussehenden Typen gesagt hatte. Wahrscheinlich wurde es nur davon übertroffen, als ich vor zwei Jahren dem Kerl zwei Klassen über uns, für den ich ein bisschen geschwärmt hatte, versehentlich mein Getränk in den Schoß gekippt hatte.

„Bist du das Begrüßungskomitee der Stadt?“, wollte er wissen und ich bemerkte seinen amerikanischen Akzent. Was verschlug jemanden aus dem Land der vielen Möglichkeiten auf unsere kleine Insel?

„So ungefähr“, murmelte ich und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Ich hatte mir keine Gedanken mehr darüber gemacht, dass das Haus inzwischen jemandem gehörte und ich kein Recht dazu hatte, das Grundstück zu betreten.

„Was weißt du über die Familie, die hier vorher gelebt hat?“, fragte ich und schämte mich hinterher, weil ich wieder geplappert hatte, ohne nachzudenken.

„Keine Ahnung, irgendeine glückliche Kleinstadt-Familie, deren geheuchelte Harmonie dann doch zerbrochen ist“, sagte er und das Leuchten seiner blauen Augen schien noch intensiver zu werden.

Ich schluckte den Kloß herunter, der sich in meinem Hals gebildet hatte. Derweil machte ich mich auf den Weg zu meinem Fahrrad, das noch gegen die Mülltonne lehnte. Der Typ folgte mir natürlich, um sicherzugehen, dass ich sein Grundstück verließ.

„Brich dir nicht das Genick, wenn du die steile Treppe ins Dachgeschoss hochsteigst“, riet ich ihm noch. „Von dort kann man bei gutem Wetter bis zur Kathedrale sehen.“ Ich hängte mir meine Kamera richtig um die Schulter und schob mein Fahrrad an ihm vorbei. Endlich blieb er stehen, doch ich spürte seinen bohrenden Blick in meinem Rücken. Noch nie hatte mich jemand mit seinen Blick so sehr gedemütigt wie dieser Typ.

„Moment mal“, meinte er, doch ich sah ihn nicht mehr an. „Scheiße, du bist das Mädchen dieser harmonischen Kleinstadt-Familie, oder?“

Ich verlangsamte mein Tempo und drehte ihm doch noch einmal über meine Schulter den Kopf zu.

„Geheuchelte Harmonie traf es schon ganz gut“, sagte ich, dann schwang ich mich auf mein Fahrrad und mir gelang es irgendwie, auf der Schotterpiste nicht hinzufallen. Wenn mich mein Dad von vor zwölf Jahren jetzt gesehen hätte, wäre er stolz gewesen. Doch diese Zeit war vorbei, Mum hatte recht. Ich durfte nie wieder zurückkehren.

Nicht nur der eisige Wind trieb mir die Tränen in die Augen. Es waren Tränen der Trauer, doch vor allem der Wut.